ETC Mehrgenerationenhaus: Inklusiver Stadtteilspaziergang macht Barrieren sichtbar
Wie fühlt es sich an, mit dem Rollstuhl über unebene Gehwege zu fahren? Welche Herausforderungen entstehen, wenn eine Ampel zu kurz geschalten ist, wenn Baustellen Wege versperren oder Aufzüge nicht barrierefrei nutzbar sind? Und wie verändert sich die Wahrnehmung des eigenen Stadtteils, wenn man ihn aus einer anderen Perspektive sieht?
Diesen Fragen widmete sich der inklusive Stadtteilspaziergang der Anlaufstelle Inklusion im ETC Mehrgenerationenhaus „Unter den Arkaden“, der am 13. Juli im Rahmen des Disability Pride Month stattfand. Gemeinsam mit der ETC Projektleitung der Anlaufstelle Inklusion und des Bewohnertreffs Patricia Formisano-Schmitz, Steve Gloege, Mitglied des Quartiersrates und Evelyn Hahn, Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses erkundeten die Teilnehmer*innen den Stadtteil Harthof aus einer ungewohnten Perspektive. Mit Rollstühlen, Rollatoren und Augenbinden konnten sie selbst erleben, welche(n) Barrieren Menschen mit Behinderung im Alltag begegnen.
Barrieren werden oft erst sichtbar, wenn man sie selbst erlebt
Während des Spaziergangs und der gemeinsamen U-Bahnfahrt zeigte sich schnell, dass viele Hindernisse von Menschen ohne Beeinträchtigung kaum wahrgenommen werden. Unebene Gehwege, Bordsteinkanten, E-Roller auf den Gehwegen, Baustellen oder zu kurze Ampelschaltungen können den Alltag für Menschen mit Behinderung erheblich erschweren oder Wege sogar unzugänglich machen. Besonders eindrücklich war die Erfahrung, selbst mit dem Rollstuhl im Harthof unterwegs zu sein und zu erleben, wie viel Kraft, Aufmerksamkeit und Planung dafür notwendig sind. So wurde beispielsweise deutlich, dass man nicht immer mit der gewünschten U-Bahn mitfahren kann, weil kein Platz vorhanden ist oder dass man auf vielen Gehwegen ständig gegen ein Gefälle lenken muss.
Der Stadtteilspaziergang macht deutlich: Um Barrieren zu erkennen, reicht es oft nicht aus, nur darüber zu sprechen. Erst die eigene Erfahrung schafft ein tieferes Verständnis für die Herausforderungen, mit denen Menschen mit Behinderung täglich konfrontiert sind.
Disability Pride Month
Der Disability Pride Month findet jedes Jahr im Juli statt und setzt sich weltweit für die Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein. Auch in Deutschland bestehen trotz der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention weiterhin Herausforderungen, etwa bei der Barrierefreiheit im öffentlichen Raum sowie beim Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Nicht über Menschen reden, sondern mit ihnen
Ein zentrales Anliegen des Spaziergangs war es deshalb, die Perspektiven von Menschen mit Behinderung stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Zu oft wird über ihre Bedarfe gesprochen, ohne sie einzubeziehen. Dabei ist ihre Erfahrung unverzichtbar. Sei es bei der Stadtplanung, bei Bauvorhaben, bei der Gestaltung von öffentlichen Räumen und Veranstaltungen. Nicht jede Einschränkung lässt sich vermeiden. Baustellen, Aufzugssanierungen oder andere Hindernisse werden auch künftig zum Alltag gehören. Umso wichtiger ist es jedoch, die Auswirkungen solcher Maßnahmen mitzudenken und die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen frühzeitig einzubeziehen.
Zum Abschluss des Spaziergangs kamen die Teilnehmenden bei Snacks zusammen, um ihre Eindrücke zu teilen und gemeinsam zu reflektieren. An dem Stadtteilspaziergang nahmen neben Bewohner*innen aus dem Viertel auch Vertreter*innen des Bezirksausschusses 11, des Mobilitätsreferates, der Stadtplanung und Regsam teil. Das Abschlussgespräche machte deutlich, wie wertvoll Perspektivwechsel sein können. Denn nur wer Barrieren erkennt, kann dazu beitragen, sie abzubauen.
Die Teilnehmenden tauschten sich über ihre Beobachtungen aus und formulierten konkrete Hinweise und Verbesserungsvorschläge für den Stadtteil. Diese werden an die zuständigen Stellen weitergegeben. Erste Anregungen konnten bereits direkt vom Vertreter des Mobilitätsreferates mitgenommen werden.
Der Stadtteilspaziergang zeigte eindrucksvoll, wie wichtig Selbsterfahrung, Austausch und Begegnung sind, um mehr Verständnis für die Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig der Dialog zwischen Betroffenen, Verwaltung, Politik und Stadtgesellschaft ist, um gemeinsam an einem inklusiven und barrierearmen Stadtteil für alle zu arbeiten.
Mehr Informationen zu unserem Mehrgenerationenhaus „Unter den Arkaden“ finden Sie hier.

